Bundesamt für Naturschutz

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Natur & Gesundheit in der Planung


Stadt- und Regionalentwicklung berücksichtigt gesundheitsrelevante Aspekte © Frank Plücken
Foto: Luftaufnahme © Frank Plücken

Aspekte des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes sind in der Europäischen Union im Wesentlichen durch zwei Richtlinien gesetzlich in Planungsprozesse integriert:

- EU-Richtlinie zur anlagenbezogenen Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) von Großvorhaben mit nicht unerheblichen Eingriffen in den Naturhaushalt von 1985

- EU-Richtlinie zur plan- und programmbezogenen strategischen Umweltprüfung (SUP) von 2001

Allerdings spielen in Deutschland bei diesen Verfahren bislang gesundheitliche Belange über den Immissionsschutz hinaus eine untergeordnete Rolle. Das Konzept des Health Impact Assessment (HIA) geht hinsichtlich der Berücksichtigung der Gesundheitsaspekte über das gesetzlich verankerte Prüfverfahren einer UVP bzw. SUP hinaus. Das HIA-Verfahren beinhaltet ein breiteres Spektrum zur Erfassung und Bewertung möglicher gesundheitlicher Folgen sowohl von (Bau-)Vorhaben als auch von Plänen und Programmen.

Auch im Rahmen der Stadtplanung bestehen rechtliche Vorgaben sowie Konzepte und Strategien, sowohl ökologische als auch gesundheitsrelevante Aspekte in urbanen Räumen zu integrieren und eine nachhaltige ökologische Stadtentwicklung zu betreiben. So sollen Bauleitpläne gemäß dem Baugesetzbuch dazu beitragen, eine menschenwürdige Umwelt zu sichern und die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und zu entwickeln. Bei der Aufstellung der Bauleitpläne sind unter anderem die allgemeinen Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse und die Belange des Umweltschutzes einschließlich des Naturschutzes und der Landschaftspflege zu berücksichtigen. Hierzu zählen auch die umweltbezogenen Auswirkungen auf den Menschen und seine Gesundheit sowie die Bevölkerung insgesamt.

Für die nachhaltige Entwicklung ländlicher Regionen nehmen Großschutzgebiete als attraktive touristische Destinationen eine strategisch wichtige Rolle ein.


UVP

Die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) ist ein auf europäischer und nationaler Ebene rechtlich verankertes systematisches Prüfungsverfahren im Vorfeld der Entscheidung über die Zulässigkeit eines Vorhabens. Die UVP stellt die unmittelbaren und mittelbaren Auswirkungen von Vorhaben bestimmten Ausmaßes auf

  • Menschen, einschließlich der menschlichen Gesundheit,
  • Tiere, Pflanzen und die biologische Vielfalt,
  • Boden, Wasser, Luft, Klima und Landschaft,
  • Kultur- und sonstige Sachgüter
  • sowie die Wechselwirkungen zwischen den vorgenannten Schutzgütern

fest, beschreibt und bewertet sie. Allerdings orientiert sich die UVP weitgehend an ökologischen Gesichtspunkten und betrachtet in Hinblick auf die gesundheitsbezogenen Auswirkungen vorwiegend den Immissionsschutz. Die Ergebnisse der im Rahmen der UVP durchgeführten Umweltverträglichkeitsuntersuchung werden als Umweltverträglichkeitsstudie bezeichnet und sind zusammen mit den weiteren Projektunterlagen Grundlage für die UVP.


SUP

Die Strategische Umweltprüfung (SUP) bezieht sich nicht auf Vorhaben, sondern auf die Aufstellung oder Änderung von Plänen und Programmen, die von einer Behörde, einer Regierung oder im Zuge eines Gesetzgebungsverfahrens angenommen werden. Sie wurde 2001 mit der SUP-Richtlinie auf europäischer Ebene verankert.

Die Umsetzung in nationales Recht erfolgte durch das Gesetz zur Einführung einer Strategischen Umweltprüfung (SUP-Gesetz), das wegen des engen Zusammenhangs mit der UVP in das UVP-Gesetz eingefügt wurde. Es sieht vor, dass die SUP bei wichtigen umweltbedeutsamen Planungsverfahren durchzuführen ist, so beispielsweise bei der Bundesverkehrswegeplanung, bestimmten wasserwirtschaftlichen Plänen und Programmen, der Raumordnungsplanung, Bauleitplanung, Landschaftsplanung, Planungen im Bereich der Luftreinhaltung und des Lärmschutzes sowie bei Abfallwirtschaftsplänen ( BMU 2007).


HIA

Health Impact Assessment (HIA) ist laut Konsens-Papier von Göteborg ( WHO Europe 1999) eine Kombination von Verfahren, Methoden und Werkzeugen, mit denen eine Politik, ein Programm oder ein Projekt hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf die Gesundheit der betroffenen Bevölkerung und hinsichtlich der Verteilung dieser Auswirkungen beurteilt werden kann.

Ein HIA prüft, ob die Gesundheit der Bevölkerung, die durch die zu genehmigenden Planungen, Projekte, Programme oder Politik betroffenen ist, durch die Eingriffe verbessert oder zumindest nicht verschlechtert wird (Kemm & Parry 2004). So ist ein HIA ausdrücklich präventiv ausgerichtet und untersucht nicht nur die möglichen negativen gesundheitlichen Auswirkungen, sondern auch die gesundheitsförderlichen Aspekte ( WHO 2006). Das können in Bezug auf die Natur und den Naturschutz die Schaffung und der Erhalt von Grünräumen und der Schutz der Biodiversität sein.


Stadtökologie

Stadtökologie im engeren Sinne ist eine Teildisziplin der  Ökologie, die sich mit den städtischen Lebensgemeinschaften, Lebensräumen und Ökosystemen, ihren Organismen und Standortbedingungen sowie mit Struktur, Funktion und Geschichte urbaner Ökosysteme beschäftigt (Sukopp & Wittig 1998). Im weiteren Sinne ist die Stadtökologie ein integriertes Arbeitsfeld mehrerer Wissenschaften aus unterschiedlichen Bereichen und von Planung mit dem Ziel einer Verbesserung der Lebensbedingungen und einer dauerhaft umweltverträglichen Stadtentwicklung (ebd.) Die Stadtökologie spannt damit den Bogen von der umwelttechnisch orientierten Luftreinhaltung (Feinstaub, Smog etc.) über Wasserversorgung, Abwasserentsorgung und Biomonitoring (z. B. mittels Flechten) bis hin zu soziologischen Wohnumfeldstudien ( Endlicher & Kulke 2002).

Naturschutzrelevant sind vor allem innerstädtische Grün- und Freiraumstrukturen. Innerstädtische Grünräume erfüllen eine Vielzahl stadtökologischer Funktionen, die sich direkt und indirekt auf menschliches Wohlbefinden und menschliche Gesundheit auswirken können (Richter 1981). So stellen Grün- und Freiraumstrukturen auf regionaler (Stadt-Umland), gesamtstädtischer und quartiers- bzw. (wohn-)standortbezogener Ebene wesentliche Einflussgrößen auf das Stadtklima dar. Beispiele sind die Absorption der Globalstrahlung, die Abschattungswirkung und Verdunstungskühlung, die dem Hitzeinsel-Effekt der Städte entgegen wirkt, die Erhöhung der Luftfeuchte sowie die Abschwächung der Windgeschwindigkeit. Dazu kommen weitere bioklimatisch-hygienische Funktionen wie eine Klimaoptimierung durch Anreicherung mit Sauerstoff (O2), Bindung von Kohlendioxid (CO2) und Abmilderung negativer Stadtklimaereignisse wie Inversions- und Smogwetterlagen. Darüber hinaus kommt den Grünräumen eine Schutz- und Minimierungsfunktion („Schadstoffsenke“, „grüne Lunge“) gegenüber luftgetragenen Schadstoffen (Stäube, Gase) und anderen Immissionen wie Lärm zu (Claßen et al. 2007; Hornberg et al. 2007; Bruse 2003; Richter 1981). Besonders effizient bei der Filterung von Stäuben und gasförmigen Verunreinigungen aus der Luft sind Bäume bzw. Wald, da die Baumkronen eine große, diffuse Oberfläche bilden und damit ein Hindernis für Wind sind. Zum einen können Blattoberflächen Stäube im Verlauf der Vegetationsperiode anreichern und gasförmige Verunreinigungen binden. Zum anderen verändern Pflanzenbestände – insbesondere Bäume – die Luftströmung und können so die lokale Konzentration, Verteilung und Abscheidung von Stäuben beeinflussen (Forum DIE GRÜNE STADT, 2008)

Nicht zuletzt bieten Natur und Grünflächen im urbanen Raum vielfältige Möglichkeiten zur Erholung und Freizeitgestaltung. Damit spielen sie eine wichtige Rolle für die Lebensqualität insgesamt und die Qualität des Wohn- und Arbeitsumfeldes. Gleichzeitig bieten sie vielen Menschen, vor allem Kindern, die einfachste und oft erste Gelegenheit zu Naturerfahrungen, die sich positiv auf die physische und psychische Entwicklung auswirken.


Grün als Imagefaktor

Grün- und Freiflächen gelten als unverzichtbarer Bestandteil im sozialen Leben. Bewegung und Sport in frei zugänglichen Räumen wie kommunalen Grün- und Freiflächen gewinnen immer mehr an Bedeutung. Erholung, Natursport und Naturerlebnis etablieren sich als echte Gesundheitsressourcen. Für Stadtverantwortliche und -planer bieten sie eine Chance, den gesundheitlichen Nutzen der Natur als Imagefaktor für die Kommune nutzen. Hilfe und Handlungsempfehlungen zum Erhalt und Ausbau innerstädtischer Grünflächen – insbesondere der Bewegungsflächen – bietet der Leitfaden „ Menschen bewegen – Grünflächen entwickeln" (BfN & Deutsche Sporthochschule Köln 2008). Neben der Beschreibung der für die Umsetzung notwendigen Kommunikations- und Organisationsstrukturen sowie Gute-Praxis-Beispielen aus verschiedenen Städten enthält der Leitfaden konkrete Checklisten, mit denen die Anregungen von der Bestandsanalyse über die Angebotsentwicklung bis zur Evaluation in der eigenen Stadt oder Gemeinde Schritt für Schritt umgesetzt werden können.


Nachhaltige Regionalentwicklung

Nachhaltige Regionalentwicklung bringt "die sozialen und wirtschaftlichen Ansprüche an den Raum mit seinen  ökologischen Funktionen in Einklang". Ökonomische, ökologische und soziale Aspekte sind dabei gleichberechtigt. Eine nachhaltige Regionalentwicklung erfordert die Kooperation und Vernetzung aller regionalen Akteure, Wirtschaftssektoren und gesellschaftlichen Gruppen des betreffenden Raumes ( Krott & Böcher 2004).

Der ländliche Raum kämpft zunehmend mit strukturellen Schwierigkeiten wie Bedeutungsverlust der Landwirtschaft, hoher Abwanderungsquote junger Menschen, mangelhafter Infrastruktur und hoher Arbeitslosigkeit. Gerade dort kann Natur und Landschaft mit ihrer Artenvielfalt zu einer wichtigen Ressource werden. Großschutzgebiete können mit guten Angeboten Touristen gewinnen und damit neue Einnahmequellen erschließen. Naturschutz fungiert also im besten Falle nicht als hemmender, sondern als fördernder Faktor für die ländliche Entwicklung. Dieses Bewusstsein sollte sich im Sinne der Nachhaltigkeit bei den Bewohnerinnen und Bewohnern dieser Räume durchsetzen. Nur so lassen sich die Ziele einer nachhaltigen Regionalentwicklung erreichen. Vor allem die Einbindung aller regionalen Akteure, Wirtschaftssektoren und gesellschaftlichen Gruppen nach dem sogenannten Bottom-Up-Ansatz ist dazu unentbehrlich.

Beispiele für Förderprogramme

 EU-Gemeinschaftsinitiative LEADER+

Das LEADER-Programm („Liaison entre actions de développement de l´économie rurale“ – Verbindung von Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft) ist Bestandteil der ländlichen Entwicklungspolitik der EU. Ländliche Regionen in den Bundesländern können sich mit einem integrierten Entwicklungskonzept, das die Entwicklungsstrategie, die Ziele und die Projektideen der Region beschreibt, um die Fördergelder bewerben. 

Ziele des LEADER-Programms sind die Verbesserung von

- Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft durch Förderung von Umstrukturierung, Entwicklung und Innovation

- Umwelt und Landschaft durch Förderung der Landbewirtschaftung

- Lebensqualität im ländlichen Raum und Diversifizierung der ländlichen Wirtschaft.

Ausgewählte Projekte zum LEADER-Programm beschreibt die  Deutsche Vernetzungsstelle LEADER+ in der BLE (2006).

 Bundeswettbewerb „Regionen aktiv“

Von 2002 bis 2007 realisierte das BMELV das Modell- und Demonstrationsvorhaben "Regionen Aktiv – Land gestaltet Zukunft". 18 Modellregionen in Deutschland setzten dabei über 1.300 Einzelprojekte um. Die Ergebnisse des Modellvorhabens werden zur Weiterentwicklung der Programme zur integrierten ländlichen Entwicklung in Deutschland genutzt ( BMELV 2008).

Links

 UVP-Netz

Gesetz zu  UVP & SUP

100 ausgewählte Projekte  LEADER+

 EU-Gemeinschaftsinitiative LEADER+

Zukunft ländlicher Räume REGIONEN AKTIV