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Gebietsfremde Arten


Der Amerikanische Flusskrebs schleppte Ende des 19. Jahrhunderts die Krebspest in Deutschland ein © Michael Pütsch
Foto: Amerikanischer Flusskrebs © Michael Pütsch

Die meisten Arten verändern kontinuierlich die  Areale, in denen sie leben. Oftmals sind das natürliche Prozesse, wie beispielsweise die Wiedereinwanderung von Arten nach einer Eiszeit. Durch anthropogene Einflüsse wie Verkehr, Handel oder durch eine beabsichtigte Einfuhr von Arten können jedoch ebenfalls Ausbreitungsprozesse und Arealverschiebungen stattfinden. Das kann dazu führen, dass sich Arten sehr weit außerhalb ihrer natürlichen Verbreitungsgebiete ansiedeln. In Mitteleuropa wurden seit dem Beginn des Ackerbaus in der Jungsteinzeit Arten in unterschiedlichem Umfang eingebracht und etabliert. Im Gegensatz zu den einheimischen (indigenen), von Natur aus bei uns vorkommenden Tier- und Pflanzenarten, werden diese Arten als gebietsfremde Arten bezeichnet. Dabei spielen die Zunahme von Handel und Verkehr eine so wichtige Rolle, dass die Entdeckung Amerikas 1492 zur Abgrenzung dient: Arten, die vorher – z. B. durch die Römer in der Antike – eingebracht wurden, werden als Archäozoen und Archäophyten bezeichnet, nach 1492 eingeführte Arten als Neozoen und Neophyten (insgesamt: Neobiota). Nur wenige dieser Arten können sich bei uns jedoch dauerhaft in der Natur etablieren, sich also ohne Einfluss des Menschen über mehrere Generationen erhalten.


Einfuhr und Einschleppung

Vor allem bei Wirbeltieren werden fremde Arten oftmals absichtlich in neue Gebiete eingebracht. Heim- und Haustiere werden aktiv ausgesetzt oder verwildert, zu Jagdzwecken wurden Dam- und Sikahirsch (Cervus dama und Cervus nippon), Mufflon (Ovis ammon musimon), Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus), Jagd- und Königsfasan (Phasianus colchicus und Syrmaticus reevesi) eingebürgert. Zur Pelzgewinnung ausgesetzte Neozoen sind Bisam (Ondatra zibethicus), Marderhund (Nyctereutes procyonoides) und Waschbär (Procyon lotor). Vögel wurden vor allem zur „Belustigung“ oder „Stadtverschönerung“ eingebürgert, wie zum Beispiel die Nil-, Schwanen-, Streifen- und Kanadagans (Alopochen aegyptiacus, Anser cygnoides, Anser indicus, Branta canadensis), die Mandarinente (Aix galericulata), der Trauerschwan (Cygnus atratus) und der Halsbandsittich (Psittacula krameri) (Gleiter et al. 2002).

Unbeabsichtigt werden fremde Arten durch Tier- und Warenimporte oder in Transportmitteln eingebracht, beispielsweise als "blinde Passagiere" im Ballastwasser von Schiffen oder als Aufwuchs (Wandermuschel Dreissena polymorpha, Amerikanischer Flusskrebs Cambarus affinis). Eines der wenigen Wirbeltiere, das auf diese Weise versehentlich seinen Weg zu uns gefunden hat, ist die Wanderratte (Rattus norvegicus), die allerdings schon im Spätmittelalter mit dem Schiffsverkehr eingeschleppt wurde (Gleiter et al. 2002).


Etablierung neuer Arten

Der Großteil der neuen Pflanzenarten (Neophyten) und neuen Tierarten (Neozoen) gliedert sich einfach in die bestehenden Ökosysteme ein. Die eingeschleppte Wandermuschel (Dreissena polymorpha) besetzt im Bodensee sogar eine freie ökologische Nische und ist dort zu einer der wichtigsten Nahrungsquellen für überwinternde Enten geworden. In anderen Gewässern hingegen verursacht die Wandermuschel durch ihre Massenentwicklung große ökologische Probleme  (Klingenstein et al. 2005). Viele der unproblematischen Neophyten und Neozoen werden heute kaum noch als fremd empfunden und Kartoffel, Mais und Tomate sogar landwirtschaftlich genutzt. Der Mensch hat neue Tierarten als Haustiere, Nutztiere und Jagdwild integriert oder nutzt sie für Wissenschaft, Fischerei, biologische Schädlingsbekämpfung etc. (Gleiter et al. 2002).


Eigenschaften zur Etablierung und Anpassung von Neobiota

  • Standortansprüche der Arten stimmen mit den Gegebenheiten am Standort überein
  • keine natürlichen Feinde (Fressfeinde, Schädlinge) im neuen Lebensraum
  • bisher unbesetzte Nische im neuen Ökosystem wird eingenommen
  • starkes, oft vegetatives Wachstum und hohe Samenproduktion
  • Fähigkeit, Störungen und Nährstoffüber- oder Nährstoffunterversorgung zu tolerieren
  • schnelle genetische Anpassung an die neuen Umweltfaktoren

Invasive Arten

Nur wenige neue Arten (Neobiota) – ca. 10 % aller etablierten gebietsfremden Arten – gefährden in ihrer neuen Heimat die biologische Vielfalt und werden daher als invasive Arten oder IAS (Invasive Alien Species) bezeichnet. In Deutschland kommen von den ca. 12.000 eingebrachten gebietsfremden Gefäßpflanzenarten 115 Arten selten und 509 unbeständig vor. 609 Arten sind etabliert (226 Archäo- und 383 Neophyten), ca. 30 haben invasiven Charakter (Kowarik 2003).

Die Situation der Fauna stellt sich anders dar. Von etwa 1.149 gebietsfremden Arten wurden ca. 264 als etabliert eingestuft (BfN 2008). Weniger als 5 % der etablierten Neozoenarten sind in Deutschland invasiv (BfN 2008). Besonders stark werden Lebensgemeinschaften durch aquatische Neozoen, wie zum Beispiel die Pazifische Auster (Crassostrea gigas), den nordamerikanischen Ochsenfrosch (Rana catesbeiana) oder die Regenbogenforelle (Oncorhynchus mykiss) verändert.

Besonderes Schadpotenzial haben invasive Arten in isolierten Ökosystemen wie beispielsweise auf Galapagos, da sich dort die Ökosysteme ungestört über einen langen Zeitraum entwickeln und ihre Arten gut aufeinander einspielen konnten. Neben Naturschutzproblemen können gebietsfremde Arten aber auch ökonomische (Managementkosten, Zerstörung von Uferbefestigungen und Mauerwerk), landwirtschaftliche (Schädlinge) oder gesundheitliche Probleme (Übertragung von Krankheiten) oder Gefahren nach sich ziehen.

Aus unserer Projektdatenbank:

zur Projektdatenbank

Links

Gebietsfremde und/oder Invasive Arten  BfN und  Neobiota

Besonders und streng geschützte Tier- und Pflanzenarten  WISIA-online

Ausbreitung neuer Pflanzenarten  Neobiota

Invasive Neophyten  Neobiota

Die Asiatische Tigermücke Aedes albopictus
 Fachinformation