Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Therapeutische Landschaften


Therapeutische Landschaften: real oder metaphorisch © Dr. Rudolf Specht
Foto: Dünen am Strand im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer © Dr. Rudolf Specht

Der Begriff der Therapeutischen Landschaften („Therapeutic Landscapes“) wurde zu Beginn der 1990er Jahre durch den Medizingeographen Wilbert Gesler geprägt (Gesler 1992). Dem Konzept liegt die Hypothese zugrunde, dass Landschaften eine Bedeutung für die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden haben können. Als „Therapeutic Landscapes“ werden Landschaften verstanden, die mit physischer, mentaler oder spiritueller Heilung assoziiert werden (Gesler 1993). 

Landschaft als Metapher

Darüber hinaus versteht sich das Konzept der Therapeutischen Landschaften als geographische Metapher, um das Verständnis dafür zu fördern, wie sich Gesundheitsprozesse an Orten, also in Situationen, Milieus und Schauplätzen, entfalten. Es spannt einen weiten Bogen von natürlichen, physisch-realen Landschaften und Landschaftselementen über eine Reihe von Landschaftsmetaphern – jeweils von großer Bedeutung für die Gesundheit des Menschen:

• sozial konstruierte kulturelle Landschaften

• symbolisch-mentale, individuelle Landschaftskonstrukte

• Landschaften von Glauben und Überzeugungen

• Landschaften sozialer Beziehungen

• medizinische Dienstleistungslandschaften


Therapeutische Landschaft als Gesundheitsort

Demnach ist Landschaft ein dynamisches Konstrukt menschlicher Vorstellung und materieller Voraussetzungen. Landschaften reflektieren sowohl individuelle Interaktionen als auch gesellschaftliche Vorgaben, und das individuelle Naturverständnis ist ebenso bedeutsam wie das allgemeine. Denn auch wenn eine moderne Arztpraxis oder ein Klinikum als so genannte nicht-traditionelle Gesundheitspflegelandschaft durchaus eine Landschaft sein kann, weisen Studien keinen positiven Effekt auf Patienten nach. Therapeutische Landschaften werden aufgrund ihrer symbolischen Bedeutung vornehmlich mit imposanten Naturlandschaften, spirituellen Landschaften oder ästhetisch ansprechenden traditionellen Kurlandschaften wie Heilbädern und mit Heimat assoziiert (Williams 1998; Frumkin 2003; Andrews 2004). Deshalb diskutiert die Forschung Therapeutische Landschaften auch zunehmend salutogenetisch orientiert, also hinsichtlich ihrer gesundheitsförderlichen Potentiale für Gesellschaften, aber auch für Teil- und Randgruppen wie Ältere, Menschen mit Einschränkungen, psychisch auffällige Menschen, Obdachlose etc. (Gesler 1993; Williams 1999; Gesler 2003; Andrews 2004; Milligan et al. 2004).


Natur-Landschaft als Bildungsort

Einige Studien widmeten sich der Ausstattung natürlicher und naturnaher Räume und deren symbolischer Bedeutung für die gesamte Bevölkerung – im Andenraum (Greenway 1998), in Mittel-England (Bell 1999), in der Sund-Region Skandinaviens (Nilsson & Skärnäck 2001) oder im Denali National Park, Alaska (Palka 1999). Hierbei stand unter anderem die Frage im Fokus, inwieweit die Verbindung von Natur, Ökologie, Ästhetik und Wohlbefinden eine persönliche Betroffenheit in der Bevölkerung und in der Politik erzeugt. Im Falle des Denali National Parks wurde der therapeutische Gewinn des Naturerlebnisses erstmals unmittelbar mit Zugänglichkeit und Erreichbarkeit von Wildnis anstelle von Kureinrichtungen in Bezug gesetzt (Palka 1999). Hierbei spielten Camps für Kinder und Familien eine entscheidende Rolle.


Natur-Landschaft als Gesundheitsort

Unter der Voraussetzung, dass nicht nur der kurativ-therapeutische Nutzen einer Landschaft, sondern ebenso die salutogene Bedeutung von Landschaften und Naturschutzmaßnahmen erkannt und gefördert wird, kann das Konzept der Therapeutischen Landschaften – vor allem in Kombination mit den Konzepten einer nachhaltigen Regionalentwicklung – als wichtige Grundlage auch zur Entwicklung von Gesundheitslandschaften oder Gesundheitsregionen dienen (Claßen 2008).

Das Konzept der Therapeutischen Landschaften fasst den Landschaftsbegriff bewusst weit und beinhaltet umwelt- und raumbezogene, individuelle und sozio-kulturelle Faktoren. Als idealtypisch gelten Landschaften mit überdurchschnittlicher Dichte an folgenden Merkmalen:

• Wohlbefinden steigernde Landschaftselemente

• spezifische Gesundheitseinrichtungen wie Institutionen zur Prävention
  und Rehabilitation

• reichhaltige Naturerlebnis- und Gesundheitsangebote

• geprüfte Beherbergungseinrichtungen

• spirituelle Zentren

• Heilbäder, Mineralbrunnen, Kur- und Erholungsorte

• Barrierefreiheit

• messbare Erfolge in der nachhaltigen Regionalentwicklung, insbesondere
  in den integrierten Planungsprozessen 

   (Claßen 2008; Claßen 2005)

Aus unserer Projektdatenbank:

zur Projektdatenbank