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Heilgärten


Blumenduft kann bei Demenzkranken schöne Erinnerungen wachrufen © Papenfuss – Atelier für Gestaltung
Foto: angelegter Garten © Papenfuss – Atelier für Gestaltung

Idee und Konzept

Heilgärten unterstützen Heilungsprozesse. Die Bezeichnung „heilend“ ist allerdings irreführend, weil sich „heilen“ im allgemeinen Sprachgebrauch vor allem auf die Kuration von Krankheiten bezieht. Einige Autoren bevorzugen daher Begriffe wie „therapeutisch“ oder „erholsam“, da es in erster Linie um die Minderung von Stress und die Möglichkeit der Entspannung, Regeneration und Wiederherstellung von mentaler und emotionaler Gesundheit geht (Hartwig & Cooper Marcus 2006). 

Bereits die Ägypter nutzten Gärten zur Erholung (Gartmann Vapaa 2002). In Europa sind die mittelalterlichen Klostergärten ein frühes Beispiel für Heilgärten, vor allem durch den Anbau von Heilpflanzen. Hildegard von Bingen (1098–1179) schuf ein bis heute gültiges medizinisch-philosophisches Konzept zur Naturheilkunde, wozu die "Hildegard-Gesundheitsgärten" gehören (Claßen 2008).


Orte und Zielgruppen

Heilende Gärten entstehen häufig in Krankenhausparks, bei Alten- und Pflegeheimen oder anderen Versorgungseinrichtungen. Durch die fremde Umgebung und die ungewohnte Situation kann es dort bei Patientinnen und Patienten zu Stress und Ängsten kommen, die dem Heilungsprozess entgegenwirken. Eine Alternative zur medikamentösen Behandlung dieser Stresserscheinungen stellt das Heilgartenkonzept dar (Wittenborn, Jahr unbekannt). Heilende Gärten sind so angelegt, dass die unterschiedlichen Bedürfnisse der Nutzergruppen berücksichtigt werden – beispielsweise im Krankenhaus Patientengruppen verschiedener Abteilungen, Ärztegruppen, Pflegepersonal und Besuchende (Gartman Vapaa 2002). Für einzelne Erkrankungen existieren spezielle Heilgarten-Konzepte. So stimulieren Heilgärten für Alzheimer-Erkrankte die Sinne positiv, um angenehme Gefühle und Erinnerungen zu wecken (Health Council of the Netherlands 2004).


Gestaltung

Die Gestaltung der Heilgärten übernehmen Fachleute außerhalb der medizinischen Professionen. Zumeist übertragen Landschaftsarchitekten oder -architektinnen die Bedürfnisse der Nutzergruppen in das Design von heilenden Gärten.

Für die Zielgruppe der Demenzkranken sind wichtige strukturelle Merkmale in Heilgärten zu beachten. So sollte es wegen der gestörten Orientierungsfähigkeit dieser Patientengruppe nur leicht gewundene Pfade geben. Die Gehwegoberflächen sollten relativ dunkel sein, um die Augen der älteren Patientinnen und Patienten nicht zu blenden. Blumen dienen dazu, angenehme Erinnerungen an vergangene Jahre zu wecken. Alle Pflanzen im Heilgarten sollten ungiftig sein, da Demenzkranke dazu neigen, Dinge in den Mund zu nehmen. Studien haben gezeigt, dass diese Art von Gärten die Lebensqualität der Patientengruppen verbessert, ihnen Anreiz und sichere Möglichkeit zur Bewegung bietet, ohne zu beunruhigen. Nicht zuletzt verringert sich damit der Betreuungsaufwand für das Pflegepersonal (Hartwig & Cooper Marcus 2006).

Heilgärten müssen so gestaltet sein, dass sie Menschen Anreize bieten, sich darin aufzuhalten. Es sollen Orte sein, an denen der Mensch sich wohlfühlt. Dieses Angebot kann beispielsweise vom Krankenhauspersonal durch Flyer auf den Krankenzimmern kommuniziert werden. Flyer sollten konkrete Angaben zu Orten und Entfernungen enthalten, damit sich die Patientinnen und Patienten leicht orientieren und auf die zu erwartende körperliche Anstrengung einstellen können (Gabriel et al. 2005). Im Interesse des Naturschutzes sollten Heilgärten nicht zu stark modelliert sein und eher einheimische als exotische Pflanzen und Tiere beherbergen (Claßen 2008).


Grundanforderungen

Um sein gesundheitsförderliches Potenzial voll entfalten und vielen Menschen helfen zu können, sollte ein heilender Garten einige Grundanforderungen erfüllen:

• Klarheit
   klares und inspirierendes Design, nicht mehrdeutig, abstrakt und unverständlich

• Zugang 
   Zugang leicht zu finden und offen, Türschlösser sind Hindernisse

• Orientierung 
   einfache und direkte Wegführung

• offener Raum
   Raum für Ereignisse und Aktivitäten, der zu Interaktion und Kommunikation
   mit anderen ermutigt

• private/intime Räume
   auch intime Bereiche, um zu trauern, zu entspannen, private Gespräche
   zu führen oder nachzudenken

• Inspiration
   Skulpturen, Malereien und Musik öffnen den Geist und fördern Kreativität,  
   Inspiration kann dazu ermutigen, Ziele zu setzen und zu erreichen

(Wittenborn, Jahr unbekannt)


Gärten anders

Gartenarbeit als Therapie

Eine Studie von Weyerer et al. (2004) zeigt, dass an Demenz erkrankte Patientinnen und Patienten, die durch Mobilität und Bewegung gefördert werden, signifikant mehr Freude und Interesse empfinden und zudem aktiver, lebendiger, ausgeglichener und weniger aggressiv sind. Laut Brucker & Mosbauer (2008) stellt Gartenarbeit in diesem Kontext eine gute Therapie- und Betreuungsform für Demenzkranke dar. Verbesserungen werden demnach nicht nur im mentalen Bereich erreicht, sondern auch bei Sturzhäufigkeit, Gangbild und Schlafverhalten.

Gärten im Arbeitsalltag

Firmen nutzen immer häufiger Gartenelemente, um den Arbeitsalltag von Mitarbeitern zu verbessern. Bestehende oder neue Gewerbe- und Industriegebiete können für Natur und Mensch gleichermaßen nützlich gestaltet werden. Zu den Heilgärten in diesem Kontext zählen natürliche Anlagen und Dachgärten, begrünte Innenhöfe und Eingänge. Eine solche Begrünung kann ebenso positive Effekte auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter haben wie eine attraktive Wirkung auf Kunden und Geschäftspartner.

Community-Gärten und interkulturelle Gärten

Community-Gärten stellen eine besondere Form der kollektiven Gartenarbeit auf öffentlichen oder halböffentlichen Flächen besonders in größeren Städten dar. Die Potenziale dieser Gärten liegen in der Optimierung des Grünflächenangebots, vor allem in Stadtteilen mit mangelhafter Grünflächenausstattung, sowie in der Zwischen- und Nachnutzung aufgegebener Standorte wie alte Industrieanlagen (Rosol 2005). Wichtige Effekte von Community-Gärten sind die Entstehung und Pflege sozialer Kontakte, vielfältige Gelegenheiten zu Erholung, Bewegung, Therapie und Bildung, die Reduzierung von Kriminalität und ein besseres Stadtklima.

Nach dem Vorbild der Community-Gärten entstanden auch die internationalen oder interkulturellen Gärten, die sich seit einigen Jahren in mehreren deutschen Städten etabliert haben. Diese insbesondere an Migrantinnen und Migranten gerichteten Projekte haben das Ziel, über die gemeinsame Nutzung von Gartenflächen den interkulturellen Austausch zwischen Deutschen und Zugewanderten, aber auch unter den verschiedenen Migrantengruppen zu fördern und die gesellschaftliche Integration zu erleichtern (Nosetti 2009). Ein Fokus der Gärten liegt dabei auch auf der therapeutischen Wirkung für traumatisierte Flüchtlinge. Auch Bildungs- und Informationsangebote sollen auf diesem Weg verwirklicht werden. So fördert etwa das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seit 2008 in den internationalen Gärten Göttingen ein Integrationsprojekt zum Thema Gesundheit und Ernährung (Stiftung Interkultur).