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Natur-Arzneimittel


80 % des Heilpflanzenbedarfs werden durch Wildsammlung gedeckt © Nina Jacobsen
Foto: Kamille © Nina Jacobsen

Seit dem Altertum nutzen Menschen Heilpflanzen als Arzneimittel. Weltweit werden schätzungsweise mehr als 50.000 verschiedene Pflanzen und einige tausend Tier- sowie Hunderte von Pilz- und Bakterienarten (WWF 2009) im Rahmen der traditionellen und modernen Medizin genutzt. Im Jahr 2003 verkauften allein die Apotheken in Deutschland pflanzliche Arzneimittel im Wert von 2 Milliarden Euro (WWF & TRAFFIC 2007). Doch der Rückgang von Pflanzen- und Tierarten gefährdet die Herstellung pflanzlicher Medikamente und die Entwicklung neuer Arzneimittel. Daher ist das Thema sowohl aus Sicht der Gesundheitsversorgung als auch aus Sicht des Naturschutzes von großer Bedeutung.


Wirkstoff Natur

Heilkraft resultiert aus unterschiedlichen Inhaltsstoffen. Viele Wirkstoffe, die in der pharmazeutischen Herstellung von Medikamenten genutzt und in der Schulmedizin verordnet werden, sind pflanzlichen oder tierischen Ursprungs. So wurde der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS), der als schmerzstillend, blutverdünnend, entzündungshemmend und fiebersenkend gilt, ursprünglich aus Weidengewächsen gewonnen (Kasparek & al-Janabi 2008).

Der Speichel der nordamerikanischen Gila-Krustenechse (Heloderma suspectum) dient als Vorbild für die Wirkstoffgruppe der Exenatiden. Diese wirken auf die Rezeptoren der Bauchspeicheldrüse, indem sie die körpereigene Insulinausschüttung anregen und so helfen, den Blutzuckerspiegel bei Patienten mit Diabetes mellitus (Typ II) zu senken (Weiss 2007).


Gefährdung der Bestände

Heutzutage werden pflanzliche und tierische Wirkstoffe für pharmazeutische Medikamente oft nicht mehr aus den Pflanzen und Tieren selbst gewonnen, sondern stammen aus synthetischer Herstellung. Nur als „rein pflanzlich“ deklarierte Arzneimittel bestehen direkt aus Extrakten der Heilpflanzen. Da Zucht und Anbau von Heilpflanzen meist sehr zeit- und kostenintensiv sind, werden etwa 80 % des Bedarfs über Wildsammlung gedeckt. Dabei wird jedoch häufig unkontrolliert geerntet, so dass derzeit schätzungsweise mehr als 10.000 Arten in ihrem Bestand bedroht sind (WWF & TRAFFIC 2007). Gefährdungsfaktoren sind neben zu großen Entnahmemengen und dem internationalen Handel auch die Veränderung oder Zerstörung der Lebensräume wie zum Beispiel durch Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft oder Ausweitung von Siedlungsflächen.

Auch Tiere sind in einigen Ländern als Arzneimittel-Lieferanten begehrt. So sind einzelne Tierarten bereits ausgerottet oder wegen massiver Einschränkungen ihrer Lebensräume und regelmäßiger Bejagung stark bedroht. Damit geht ein großes Potenzial zur Entdeckung und Herstellung neuer Arzneimittel, auch für neuartige oder bislang nicht heilbare Krankheiten, verloren (WWF).


Kostenübernahme für pflanzliche Arzneimittel

Nicht alle Arzneimittel sind rezeptpflichtig und dürfen von den Krankenkassen erstattet werden. Im März 2004 hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) die Kostenübernahme rezeptfreier Arzneimittel durch eine Ausnahmeliste eindeutig geregelt (GBA-Mitteilung). Eine Kostenübernahme pflanzlicher Arzneien ist demnach im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht vorgesehen. Durch die Einführung des Gesundheitsfonds im Januar 2009 und die damit verbundenen Einschränkungen für den Beitragswettbewerb zwischen den Kassen bieten sich hier Chancen für die Versicherten. So ist es möglich, dass Krankenkassen Wahltarife zur Kostenübernahme pflanzlicher Arzneimittel anbieten. Auch in privaten Versicherungsverträgen kann die Kostenerstattung für pflanzliche Arzneimittel vereinbart werden.

Im Kontext von Kostenerstattungsfragen spielen die Aspekte Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit und Biodiversität ebenfalls eine Rolle. Ein nicht nachhaltiger Umgang mit Pflanzen und Tieren kann zu Teuerungen im Bereich der Forschung und Entwicklung neuer synthetischer Arzneimittel und dadurch zu Kostensteigerungen im Gesundheitswesen führen – sowohl für Krankenkassen und Krankenversicherungen als auch für die Patienten. 

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Links

Naturmedizin auf Kosten der Natur WWF

Wildpflanzen FloraWeb

Nachhaltige Nutzung von Wildpflanzen BfN